Die Lust an der Beschämung

In Deutschland gehören Beschämungen zum Alltag für viele Kinder. Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel Kanada. Foto: Jean B./Fotolia
Dieter Bohlen macht seine Kandidaten zum Gespött und ein ganzes Land lacht mit. Heidi Klum zwingt, süffisant lächelnd, angehende Topmodels zu Fotoshootings mit Spinnen im Dekoletee und Bienenvölkern in Haaren, Ohren, am Hals. Im Straßenverkehr sind obszöne Gesten an der Tagesordnung, in Betrieben wird gemobbt und im Sportunterricht gehänselt. Beschämungen gehören zum Alltag, dabei steht die Würde des Menschen doch zuoberst im Grundgesetz. Was ist da los?
Deutschland, so scheint es, ergötzt sich am schamlosen Vergnügen. YouTube-Filmchen mit peinlichen Möchtegernstars oder teils schmerzhaften Ungeschicklichkeiten werden hunderttausendfach abgerufen. Fremdschämen? Fehlanzeige. »Missachtung gehört zu unserer Kultur«, schreibt der Dr. Stephan Marks in seinem Buch »Die Würde des Menschen«. Arbeitslose werden von Politikern als Schmarotzer verachtet, »Ossis« als zurückgeblieben und Lehrer als »faule Säcke« beschimpft. Auch auf Autobahnen sind sie alltäglich, die Gesten der Verachtung. ich durfte vor einigen Tagen ein Gespräch mit dem Freiburger Schampsychologen führen über Würde und Scham und ihre Bedeutung für die Gesellschaft.
Frage: Wenn Sie im Auto unterwegs sind und irgendein Schnösel nimmt Ihnen die Vorfahrt: Ärgern Sie sich da nicht auch und schimpfen auf diesen »Idioten«?
Dr. Stephan Marks: Natürlich kenne ich solche Situationen. Es ist ja nicht so, dass ich von einem anderen Planeten komme. Als jemand, der in diesem Land groß geworden ist, ist mir dies natürlich vertraut: Jemand nimmt mir die Vorfahrt und zack, ist schon eine Gegenreaktion draußen. Aber seit ich mich mit dem Thema Würde und Scham beschäftige, merke ich: Es hilft mir schon, innezuhalten und mich zu fragen: Will ich so jemand sein, der jetzt schimpft und verachtend wird? Will ich direkt »zurückschießen«? Solche Reaktionen sind ja in der Regel eher eskalierend.
Viele Gründe für den Teufelskreis der Beschämungen liegen Ihrer Ansicht nach in Deutschland Jahrhunderte zurück. Glauben Sie an ein solch lang anhaltendes kollektives Gedächtnis?
Marks: Ja, weil erfahrene Beschämungen über die Jahrhunderte in keinster Weise aufgearbeitet wurden. Vielmehr wurden immer noch mehr Würdeverletzungen draufgepackt – wie in eine Wiederholungsschleife. Man kann das vergleichen mit einem Trampelpfad: Sie gehen durch eine Wiese und andere folgen Ihnen. Aus Ihrer Spur wird ein Trampelpfad, der breiter wird und sich immer tiefer in die Grasnarbe eingräbt.
Kriege, Absolutismus, Feudalsysteme und Gewaltherrschaften haben doch auch andere Völker erlebt. Wieso sollen dann nur wir Deutsche diesen »blinden Fleck« haben?
Marks: Ich sage nicht, dass nur die Deutschen hier ein Problem haben. Ich mache öfter Seminare in Lateinamerika. Dort ist die Erniedrigung durch die Spanier vor Hunderten Jahren immer noch deutlich spürbar. Sie ist lebendig in Form von Scham darüber, die »falsche« Hautfarbe oder die »falschen« Vorfahren zu haben, einen indianischen Namen zu tragen, aus der »falschen« Gegend zu kommen und dergleichen mehr. In anderen Ländern gibt es diesen blinden Fleck also auch. Nur: Es ist nicht unsere Aufgabe, diese Länder darauf aufmerksam zu machen. Wir Deutschen haben uns um unsere eigene Geschichte zu kümmern.
Jetzt leben wir aber in friedlichen Zeiten. Wieso braucht es Ihr Buch?
Marks: Mit dem Friedlichen ist es schnell vorbei, wenn wir in Stress geraten, beispielsweise auf der Autobahn im dichten Verkehr. Oder stellen wir uns vor, die wirtschaftlichen Verhältnisse werden noch rauer. Dann ändern sich auch die Umgangsformen, und diese uralten Mechanismen tauchen wieder auf. Und in vielen Betrieben läuft ja tatsächlich schon jetzt viel Mobbing.
Ist der Begriff der Würde nicht recht angestaubt? Ein Wort aus dem vorigen Jahrtausend?
Marks: Dieser Begriff steht in der Verfassung ganz oben. Aber er hat in der Tat etwas sehr Abstraktes, schließlich wird er eher von Juristen, Philosophen und Theologen diskutiert. Und er ist eher negativ definiert, als Verbot von Sklaverei, Folter und Ähnlichem. Wenn man Leute auf der Straße fragt, können sie kaum etwas damit anfangen, die Menschenwürde scheint wenig mit ihrem Alltag zu tun zu haben. Deshalb versuche ich aus der Sicht der Schampsychologie Würde zu definieren und zu konkretisieren. Für mich bedeutet ein menschenwürdiger Umgang mit Menschen, ihnen überflüssige Scham zu ersparen.
Was verbindet Würde und Scham?
Marks: Scham hat eine Würde bewahrende, positive Funktion. Scham ist wie ein Seismograf, der ausschlägt, wenn beispielsweise Anerkennung oder Zugehörigkeit verweigert werden, wenn schützende Grenzen oder die Integrität von mir oder anderen verletzt werden.

Der Psychologe und Sozialwissenschaftler Stephan Marks, 60, arbeitete in Berlin und Nordamerika. Ende der 90er-Jahre erforschte er die Motive der deutschen Nazi-Anhänger und führte dazu zahlreiche Interviews. In diesem Zusammenhang wurde er auf das Thema Scham und Würde aufmerksam. Im Auftrag des Freiburger Institut für Menschenrechtspädagogik führt er Fortbildungen durch für Supervisoren, für Lehrer, für Gefängnis-Angestellte und Pflegekräfte. Foto: privat
Was bedeutet das für den alltäglichen Umgang miteinander?
Marks: Das bedeutet, dass ich in meiner Arbeit – etwa als Lehrer, Pflegekraft oder Therapeut oder was auch immer – so mit Menschen umgehen sollte, dass ich sie nicht in vermeidbare, überflüssige Schamgefühle stürze. Positiv gewendet: dass ich ihre Grenzen respektiere, ihnen Zugehörigkeit vermittle, sie integer sein lasse und ihnen Wertschätzung entgegenbringe.
Für mich klingt das nach: »Jetzt haben wir uns alle lieb«.
Marks: Das bedeutet keineswegs, dass ich alle Verhaltensweisen toll finden muss. Natürlich kann ich mich darüber ärgern, wenn mir jemand, um das Beispiel von vorhin aufzugreifen, die Vorfahrt nimmt. Aber vielleicht kann ich ihm als Mensch dennoch Anerkennung und Wertschätzung entgegenbringen. Womöglich ist er gerade frustriert oder hat etwas Grauenhaftes erlebt. Ein anderer Aspekt ist es, schützende Grenzen der anderen nicht zu verletzen. Zum Beispiel, wenn ein Kind einem Erwachsenen ein selbst gemaltes Bild zeigt, ist es wichtig, dass dieser sich nicht abfällig oder spöttisch darüber äußert, sondern wertschätzend und achtsam mit der Kreativität des Heranwachsenden umgeht.
»Lehrer müssen im Unterricht einen schützenden Raum herstellen«
Ich glaube, gerade die Schule ist ein Ort vielfältiger Würdeverletzungen. In Ihrem Buch stimmen Sie auch mit Rückblicken auf Amokläufe an Schulen auf Ihr Thema ein.
Marks: Wenn ich im Vortrag oder Seminar etwa das Stichwort Sportunterricht fallen lasse, zucken stets viele Teilnehmer richtiggehend zusammen. Das ist ein großes Thema. Viele wurden tief beschämt und tragen das jahrelang mit sich herum. Wenn heute Krankenkassen Kampagnen machen und zu sportlicher Betätigung aufrufen, erreichen sie viele damit gar nicht. Denn jene, die einen solch schlimmen Sportunterricht erleben mussten, trauen sich oft Jahrzehnte später nicht, öffentlich Sport zu treiben. Daher glaube ich, dass eine positive Einstellung zum Körper und zur Bewegung damit beginnt, dass wir einen nicht-entwürdigenden Sportunterricht fördern.
Aber passiert Entwürdigung allein seitens der Lehrer? Auch Kinder können boshaft und gemein sein.
Marks: In Deutschland jedenfalls, wobei hier ein gesellschaftlicher Faktor hinzukommt. In Kanada beispielsweise wird sehr großer Wert auf ein wertschätzendes Schulklima gelegt. Wer immer dort mit Schülern oder Kindern zu tun hat, muss sich schriftlich dazu verpflichten, wertschätzend mit ihnen umzugehen. Das betrifft auch Hausmeister, Busfahrer und Eltern. Wer sich nicht daran hält, wird Konsequenzen erfahren. Dann wird gemeinsam überlegt, was getan werden muss, damit sich so etwas nicht wiederholt, etwa eine Fortbildung.
Vielleicht ist es einfach normal, dass Kinder sich so benehmen und andere ausgrenzen oder lächerlich machen.
Marks: Kinder mögen diese Tendenz vielleicht haben. Aber genauso, wie wir einem Kind beibringen nicht zu stehlen, müssen wir es dazu erziehen, andere nicht zu beschämen. Wir müssen ihm zeigen, dass auch Worte Auswirkungen haben.
Wenn also Kinder über Mitschüler herziehen, müssten Lehrer eingreifen und Einhalt gebieten.
Marks: Genau. Wenn ein Schüler beispielsweise ausgelacht wird, weil er übergewichtig ist, ist es die Aufgabe des Lehrers, sofort »Stopp« zu sagen. Es darf nicht ein Klima herrschen, in dem im Nachhinein gesagt wird: »Das war ja nur ein Satz, der war nicht so gemeint.« Nein, es war eben nicht nur ein Satz! Voraussetzung dafür ist aber, dass dem Lehrer die Dimension überhaupt bewusst ist. Er muss sensibilisiert sein für das Thema, um im Unterricht einen entsprechenden schützenden Raum herzustellen. Viele Lehrende machen das ja auch. Das Problem ist aber, dass Lehrer gerade hier in Deutschland auch sehr viel Beschämung abbekommen durch die Öffentlichkeit und manche Politiker.
Leben wir in einer schamlosen Gesellschaft, wie es Medien und etliche Psychologen feststellen?
Marks: Wir sind jedenfalls mit dem Bewusstsein über die zugrunde liegenden Mechanismen noch ganz am Anfang. Dabei explodieren die technischen Möglichkeiten, andere und sich selbst zu beschämen. Aber: Schamlos bedeutet nicht, keine Scham zu besitzen, sondern, sie nicht mehr zu empfinden. Bei schamlosen Menschen funktioniert die regulative Funktion der Scham nicht mehr. Bei manchen Fernsehshows sehe ich, dass Scham als Korrektiv völlig außer Kraft gesetzt ist.
Was ist zu tun?
Marks: Zunächst dürfen wir Menschenwürde und ihre Verletzungen nicht länger als etwas betrachten, das mit uns hier und heute nichts zu tun hat. Ich glaube an Selbstheilungskräfte. Viele sehen etwa bestimmte Shows im Fernsehen und spüren einerseits eine gewisse Faszination. Gleichzeitig haben sie aber das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Dieses Gefühl gilt es zu fördern. Es ist wichtig, zu »merken«, wenn die Würde von Menschen verletzt wird, und dass jeder von uns zu einem Menschen-würdigen Miteinander im Alltag sehr viel beitragen kann. Und ich bin überzeugt, dass eine positive Veränderung möglich ist. Und dazu wird es keine 400 Jahre brauchen.
Das Buch:
Stephan Marks: »Die Würde des Menschen. Oder: Der blinde Fleck in unserer Gesellschaft.« 240 Seiten, 19,99 Euro.










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