Darf Schule denn keinen Spaß machen?
Neulich durfte ich Jasmin, eine 16-jährige Dänin interviewen, die für ein Jahr als Austauschschülerin in Deutschland die Schulbank drückte. Wir sprachen über Ihre Erlebnisse mit dem deutschen Schulsystem und ihr Befremden darüber, wie hierzulande systematisch nach Fehlern gesucht wird – einziger Sinn: Schüler möglichst früh und möglichst konsequent auszusieben. In Dänemark dagegen steht das Weiterkommen der Schüler im Vordergrund. Hier der Artikel:

Die Dänin Jasmin drückte ein Jahr lang eine deutsche Schulbank. Und musste sich dabei sehr umstellen. Foto: Uschi Pacher
Eine Dänin drückte ein Jahr lang die deutsche Schulbank. Und wundert sich über Vokabeltests und leise Klassen, über Notendruck und eine Kultur des Fehlersuchens. Ein persönlicher Blick auf das deutsche Schulsystem
Dass Klassenarbeiten hierzulande mit Tinte geschrieben werden müssen, ist den meisten klar. Dokumentenecht sollen sie sein, schließlich darf nachträglich nichts mehr verändert werden. Doch manchmal zeigt erst der Blick von außen, welche Weltanschauung hinter scheinbar Selbstverständlichem steckt, wie Alltägliches auch anders gehen könnte.
Für Jasmin etwa war es völlig klar, Klausuren mit ihrem bevorzugten Stift, dem Bleistift, zu schreiben. Schließlich war es für die dänische Austauschschülerin ungewöhnlich genug, eine solche Arbeit von Hand zu machen. Zu Hause verwendet sie dafür selbstverständlich den Laptop.
Im August kam die 16-jährige Jasmin Thomassen nach Deutschland und lebte ein Jahr lang bei ihrer Tübinger Gastfamilie. In dieser Zeit besuchte sie die »10+«, die Aufbauklasse im Übergang zwischen Realschule und Gymnasium des Mössinger Firstwaldgymnasiums. Es war ein Jahr mit vielen ungewöhnlichen Entdeckungen: »Bei uns in Dänemark gibt es keine schriftlichen Vokabeltests«, erzählt sie beispielsweise. Wort-für-Wort-Übersetzungen spielen keine Rolle. »In Dänemark haben wir mündliche Prüfungen. Dabei geht auch darum, dass wir kommunizieren können«, erklärt sie mit ihrem leicht singenden, skandinavischen Akzent. »Deshalb muss nicht jedes Wort ganz korrekt übersetzen sein.«
Weil in Dänemark so gut wie keine Filme synchronisiert werden, auch viele ausländische Bücher nicht im Dänischen vorliegen, beherrscht sie die englische Sprache weitaus besser und sicherer als ihre deutschen Mitschüler. Im ersten Test bekam sie trotzdem eine Fünf – was sie überhaupt nicht verstand. »Schließlich habe ich die Hälfte der Aufgaben doch richtig gehabt. Da muss ich doch auch die mittlere Note, also eine Drei, bekommen.« Doch deutsches Bildungsdenken funktioniert genau andersherum: Sie hatte die Hälfte der Arbeit falsch – also eine unbefriedigende Leistung. »In Dänemark ist das Glas halb voll, in Deutschland halb leer«, bringt es ihre deutsche Gastmutter Kariane Höhn auf den Punkt.
In Deutschland geht es darum, was ich falsch gemacht habe
Für sie ist das auch ein typisches Beispiel für die Art und Weise, wie das deutsche Schulsystem tickt. »In Dänemark gibt es immer positives Feedback. In Deutschland geht es darum, was ich falsch gemacht habe«, sagt Höhn. Und Jasmin ergänzt: »Von zu Hause kenne ich diesen Leistungsdruck nicht.« Entsprechend deprimiert war Jasmin nach den ersten Wochen. »In den Herbstferien sind wir fast zusammengebrochen«, erzählt Höhn ihre Erfahrungen.
Ein Grund war die Art der Klausuren, nicht nur in den Sprachenfächern. In Dänemark zählte Jasmin beispielsweise in Mathe zu den besten Schülerinnen ihrer Klasse. Regelmäßig bekam sie zusätzliche Aufgaben von ihrem Lehrer gestellt, weil sie mit dem Klassenstoff längst durch war. In Deutschland verstand sie dagegen nur noch Bahnhof. »Das ist so schwierig hier, ich verstehe das nicht. Wir sprechen die Aufgaben im Unterricht durch und in der Arbeit – wutsch, wo sind wir jetzt?« erzählt sie.
Kariane Höhn ergänzt: »Die Matheaufgaben sind auch sprachlich sehr schwierig gestellt.« Sie erzählt von Nachmittagen, an denen ihre Tochter, die ebenfalls in einer zehnten Klasse ist, zusammen mit Jasmin und ihrem Mann, immerhin einem Architekten, über den Aufgaben brüteten. »Da beugten die sich zu dritt über das Buch und haben sich zuerst mal darüber gestritten, was überhaupt gefragt ist.«
Die Maxime des dänischen Schulsystems heißt dagegen fördern, nicht aussortieren. Entsprechend werden dänische Schüler auch erst nach der neunten Klasse getrennt; die neunjährige »Folkeskole« ist also mehr als nur eine Grundschule, sie ist eine Gesamtschule. »Es ist krass, nach der Vierten schon getrennt zu werden. Als ich das hörte, dachte ich: ?Das kann doch nicht wahr sein!? Das ist doch pädagogisch und psychologisch schwierig«, ist Jasmin immer noch fassungslos.
Dänische Schüler entscheiden sich erst nach der Neunten: ob sie eine Ausbildung beginnen, ein zehntes Schuljahr mit einer Art »Mittleren Reife« dranhängen oder noch drei Jahre aufs Gymnasium gehen, um dort das dänische Abitur zu machen.
Viele legen zu diesem Zeitpunkt aber auch eine Pause ein und gehen für ein Jahr auf die »Eftershole«, eine als Internat organisierte »Nachschule«. Dort leben sie mit anderen Jugendlichen zusammen und lernen ohne Druck etwas ganz anderes, Musik etwa, Theater und weitere kreative Fächer. Diese Nachschulen arbeiten in der Tradition der Heimvolkshochschulen. »Viele aus meiner Klasse haben das schon nach der achten Klasse gemacht«, erzählt die dunkelblonde Dänin aus dem kleinen Ort Kynbyhuse, eine Stunde nördlich von Kopenhagen. Auszeiten auf dem Weg der Selbstfindung – jährlich gehen rund 26.000 Jugendliche diesen Weg. Vielleicht gelten deshalb die Dänen als die glücklichsten Europäer.
Ich kann mich nicht erinnern, jemals Angst vor der Schule gehabt zu haben
Das Besondere an der »Folkeskole«: Es gibt in den ersten sechs Jahren keine Noten, weshalb Schüler »eigentlich auch nicht sitzen bleiben können«, erzählt Jasmin und wundert sich: »Mit acht Jahren eine Note zu bekommen, das kann ich mir gar nicht vorstellen!« Stattdessen setzen sich die Lehrer ein oder zwei Mal im Schuljahr mit ihren Schülern zu Einzelgesprächen zusammen. »Da sagt der Lehrer dann, wo ich besser werden kann.«
Was Bildungs- und Hirnforscher übrigens schon seit Langem fordern, wie beispielsweise Manfred Prenzel, Gründungsdekan der School of Education an der TU München. Für ihn gibt es keinen Grund, Schüler sitzen bleiben zu lassen. »Die Forschungsbefunde, die belegen, dass Klassenwiederholungen wenig nützen, reichen zurück bis in die frühen siebziger Jahre. Sie zeigen, dass das Sitzenbleiben pädagogisch fragwürdig und teuer ist, schließlich muss jedes zusätzliche Schuljahr bezahlt werden.« Mehr noch: Schüler mit schlechten Noten, die trotzdem versetzt werden, erzielten häufig »am Ende bessere Leistungen als Sitzenbleiber«.
In Dänemark bekommen Schüler bei Defiziten in einem Fach Extrahilfe – nicht zu verwechseln mit der hiesigen Nachhilfe. Extrahilfe in Dänemark ist eine gezielte zusätzliche Betreuung während der regulären Schulzeit. »Ich habe noch nie Nachhilfe bekommen. Und hier hieß es dann Nachhilfe, Nachhilfe, Nachhilfe«, regt sich Jasmin auf.
Auch wenn für sie nach anfänglichen schweren Anpassungsproblemen die deutsche Schulzeit ganz okay war, spürte sie hier einen großen Leistungsdruck, selbst auf dem Firstwald-Gymnasium, das im vergangenen Jahr mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde. Druck, und Stress – für Jasmin passt das nicht zum Lernen. »Ich kann mich nicht erinnern, jemals Angst vor der Schule oder vor einer Klausur gehabt zu haben.« Zumindest in den ersten sechs, sieben Jahren habe ihr Schule sogar richtig Spaß gemacht, berichtet sie lachend: »Lernen bringt mich nach vorn.«
Gibt es nichts, was sie nach ihrer Rückkehr in der dänischen Schule vermissen wird? Doch, klar, sagt sie. Die regelmäßigen Klassenarbeiten beispielsweise fand sie gut. So könne man das Jahr über Zensuren und Punkte sammeln. In den höheren Klassen in Dänemark finden Prüfungen dagegen nur am Ende eines Schuljahres statt, was anstrengend sei. Jasmin ist auch begeistert von der »tollen Klassengemeinschaft«, die sie, als Fremde, erlebt hat.
Ruhiger und ordentlicher sei es in deutschen Klassenzimmern auch. »Bei uns reden wir mehr mit dem Nachbarn oder schauen auch während des Unterrichts in Facebook rein oder surfen im Web.«










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