Wieso Gestalt? (Teil 2 der Serie)

Dass Gestalttherapie nichts mit Gestaltung (mit Malen, Zeichnen, Töpfern) zu tun hat, habe ich im letzten Teil bereits angesprochen. Aber warum heißt sie dann Gestalttherapie? Wieso hat Fritz Perls, einer der Gründer dieser psychotherapeutischen Richtung, ihr einen solchen unverständlichen Namen gegeben?

Weil er an eine große Tradition in der Psychologie angeknüpft hat, die unter anderem von Wertheim erarbeitete Gestalt-Psychologie. Die besagt, dass für uns Menschen “Fakten, Sinneswahrnehmungen, Verhaltensweisen und Phänomene erst durch ihre Organisation, nicht schon durch ihre einzelnen Bestandteile definiert werden und ihre eigenständige und besondere Bedeutung erlangen”, schreibt Perls in den “Grundlagen der Gestalt-Therapie“.

Mit anderen Worten: Der Mensch denkt und nimmt wahr in Oberbegriffen. Schon kleine Kinder versuchen, Zusammenhänge in ihrer Welt zu finden, sie kategorisieren. Am Beispiel: Wir sehen keine Ansammlung von Holzteilchen, sondern einen Stuhl – und mit dieser Erkenntnis eröffnet sich für uns ein ganzer Sinnhorizont. Das Ganze ist mehr als seine Bestandteile.

Perls erläutert seine Überlegungen am Beispiel einer Cocktail-Party. Ein spät hereinkommender Gast wird nicht eine Ansammlung von bunten Flecken sehen, sondern verschiedene Personen. Weiß er beispielsweise, dass ein Freund bereits da ist, wird er ihn beim schnellen Scannen der anderen Party-Gäste schnell erkennen. Ist der Besucher aber beispielsweise sehr durstig, werden ihn die anderen Gäste nicht so sehr interessieren, sondern ihm wird als Erstes die Bar auffallen, die er dann ansteuern wird. Die Bar wird für ihn “Figur”, die Gäste und der Raum “Hintergrund”.

Figur und Hintergrund sind zwei wichtige Begriffe innerhalb der Gestalttherapie. Wenn alles rund läuft, werden im alltäglichen Leben in einem nie endenden Prozess Figuren auftauchen und wieder in den Hintergrund verschwinden – ein permanentes Kommen und Gehen. Warum? Weil stetig neue Bedürfnisse auftauchen, befriedigt werden (oder auch nicht) und durch neue überlagert werden. Dabei bildet die “Figur”  jenes “Bedürfnis, das am heftigsten auf Befriedigung drängt”, schreibt Perls. Was tatsächlich dringend ist, regelt der Organismus selbst – und dabei sollte er tunlichst nicht von unseren Überlegungen und erlernten Urteilen gestört werden.

Und wie war das jetzt gleich nochmal mit der Gestalt?

Also: Ein Bedürfnis drängt sich in den Vordergrund, wird zur Figur; am Beispiel des Dürstenden auf der Cocktail: Er will etwas zu trinken, dabei fällt ihm wie von selbst die Bar auf. Er geht dort hin, bekommt ein Glas und trinkt. Der Durst ist gelöscht, das Bedürfnis befriedigt, die offene Gestalt geschlossen. Das Bedürfnis  verschwindet in den Hintergrund und macht Platz für ein neues, etwa das Bedürfnis nach Kontakt. Wieder gleiten die Augen des Mannes durch den Raum, jetzt fallen ihm allem die vielen blonden Frauen auf …

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