Was ist Disziplin?
Mit Disziplin verbinde ich Selbstkasteiung, blinden Gehorsam und Hacken zusammenschlagen. Aber ist Disziplin nicht mehr? Ohne Disziplin funktioniert keine Weiterentwicklung, ohne Disziplin können wir keine Ziele erreichen, nur mit Disziplin befriedigen wir (häufig zumindest) unsere Bedürfnisse.
Disziplin hat also zwei Gesichter, besser: zwei Pole. Hier der Pol des blinden Gehorsams und militärischen Drills, dort die aus freiem Willen gewählte Affektkontrolle, bei der momentane Befindlichkeiten und kurzfristige Bedürfnisse hintangestellt werden zur Erreichung weiter entfernt liegender Ziele.
Laut Wikipedia leitet sich das Wort Disziplin vom lateinischen disciplina ab, das “Lehre”, “Zucht”, “Schule” bedeutet. Bezeichnenderweise führt der Einstiegsartikel auch auf zwei Unterseiten, nämlich auf Selbstdisziplin und auf Gehorsam.
Für mich noch unklar ist die Abgrenzung dieser beiden Pole. Wo endet das eine, wo beginnt das andere? Klar ist eine gewisse Selbstdisziplin notwendig. Wir müssen unser Gefühlsleben regulieren. Wer im Auto mit 180 auf der Autobahn unterwegs ist, sollte tunlichst seine Hände am Steuer lassen, auch wenn sich direkt vor dem Gesicht eine Spinne abseilt. Und wer im Meeting sitzt, sollte sich, auch wenn er sich tierisch über seine Kollegen aufregt, seine Emotionen unter Kontrolle halten (obwohl, manchmal wäre es auch befreiend, seinen Frust auszudrücken …) In der Psychologie bezeichnet Selbstregulierung die Steuerung bewusster und unbewusster psychischer Vorgänge. Sie ist das Handling, wie wir mit unseren Stimmungen umgehen. Um im Beispiel zu bleiben: Wenn ich meinen Job behalten will, dann sollte ich meinem Chef manchmal verheimlichen, was ich von ihm halte.
Auch in einem Coaching oder einer Therapie ist Disziplin notwendig, zumindest hilfreich. Denn wer keinen Bock hat, seine Komfortzone zu verlassen, wird keine Entwicklung machen. Disziplin in einer Therapie, beschreibt Frank Staemmler, “besteht in der Erfahrung, daß das Durchleben mancher unangenehmen Gefühle – wie z. B. Angst, Trauer, Verzweiflung oder Schmerz – sich lohnt, wenn sie (die Klienten) ihnen auf dem Weg zu einem Ziel begegnen, das ihnen wichtig ist.
Die Begegnung mit unangenehmen Gefühlen mag kurzfristig schmerzhaft sein und traurig, langfristig jedoch führt der Weg der Entwicklung genau durch sie hindurch.
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2 Antworten to “Was ist Disziplin?”
schreibt am April 11th, 2010 at 15:39
Disziplin ist für mich ein Akt freier Entscheidung verbunden mit dem Willen zur Ausdauer und Standhaftigkeit.Einen Teil der Disziplin, nannte man früher “contenance” , was eine Mischung aus Haltung und Würde darstellt. Ein Mangel an Disziplin ist auch ein Mangel an Rückgrat.
schreibt am April 14th, 2010 at 15:19
Hallo Tino,
die Unterscheidung ist nicht schlecht, und “Contennace” ist auch ein wirklich schönes Wort. Was wäre der andere Teil?
Der Teil, der bei Soldaten so übergroß ist?
Sorry für diese militaristische Wendung. Mir fällt aber das Bild des Kasernenhofs ein, wenn du schreibst, dass ein Mangel an Disziplin für dich auch “Mangel an Rückgrat” bedeutet. Zum Strammstehen benötigt man ganz sicher Rückgrat. Aber ist das gesund? Auf Dauer glaube ich nicht.
Vielleicht liegt das Haupt-Augenmerk auf der Freiwilligkeit: In einer Therapie nehme ich als Klient freiwillig ein gewisses Maß an (seelischen) Schmerzen auf mich. Ich habe jedoch auch jederzeit die Möglichkeit, die Therapie abzubrechen. Eine solche Form der Disziplin ist nötig.
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