Serie Zeitmanagement: Zeit ist mehr als Geld
Was tun gegen Hektik und Stress? Zum Auftakt einer Serie über Zeitmanagement und effizientes Arbeiten sprach ich mit Lothar Seiwert. Für den renommierten Zeit-Experten ist klar: Jeder hat es selbst in der Hand, ob er gestresst ist oder nicht.
Frage: Alle Welt klagt, sie habe zu wenig Zeit. Dabei arbeiten wir doch immer weniger. Was ist da los?
Lothar Seiwert: Wir hatten in der Tat noch nie so viel frei verfügbare Zeit wie heute. Schauen Sie in die Länder im Osten oder nach China: Dort gibt es eine Sechs-Tage-Woche. Die hatten wir auch mal. Heute arbeiten hierzulande viele ja nur noch viereinhalb Tage.
Ist also gar nichts dran an diesem allgemeinen Lamento?
Seiwert: Die Zeit vergeht unverändert, ob wir das nun wollen oder nicht. Innerhalb des Universums sind wir ohnehin nur ein kleines Licht. Aber vom Wetter wissen wir ja: Es gibt einen Unterschied zwischen der gemessenen und der gefühlten Temperatur. Und so ähnlich ist das auch bei der Zeit. Die gefühlte Zeit ist schneller und hektischer geworden. In den USA gibt es schon eine neue Krankheit mit Namen »hurrysickness« Hetzkrankheit.
Jeder redet davon. Aber hat der Stress tatsächlich zugenommen?
Seiwert: Ich glaube schon. Ein Beispiel: Als vor einigen Jahren die E-Mail aufkam, gab es die Regel, dass sie innerhalb von 24 Stunden beantwortet sein sollte. Heute wird schon nach wenigen Minuten telefonisch nachgefragt, wo denn die Antwort bleibt.
Aha, die böse Technik ist schuld!
Seiwert: Ich bin nicht technikfeindlich. Es wird einfach immer mehr. Vor einigen Jahren gab es noch keine Faxe, keine Handys und E-Mails. Da gab es nur das Telefon und die Post. Und besondere Firmen und Vorstandssekretariate hatten ein Telex das war was ganz Außergewöhnliches. Dann kamen neue Techniken auf, aber die alten wurden nur vereinzelt abgelöst. Man hat nun Faxe und E-Mails, aber man hat nach wie vor die Briefpost und das Telefon und persönliche Besprechungen. Und zusätzlich dann noch Voicemail und eine Mailbox und sms und mms. Bis ich einmal durch alle Kanäle durch bin, kann ich gleich wieder von vorn anfangen.
Ist dieses Zuviel das grundlegende Problem?
Seiwert: Es kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu: Es wird alles umfangreicher. Die Komplexität nimmt zu. Denken Sie mal an die ersten Versionen Ihres Word-Programms. Heute brauchen Sie ja schon ein halbes Universitätsdiplom, um da durchzublicken. Oder schauen Sie Ihr Handy an. Eigentlich will man ja nur telefonieren.
Das haben Sie und Werner Küstenmacher auch in dem Ratgeber »Simplify your Life« geschrieben.
Seiwert: Genau. Viele Menschen klagen darüber, dass alles so irrsinnig kompliziert geworden ist. Wir geben die Erlaubnis, sich das Leben einfacher zu machen.
Klingt einfach.
Seiwert: Ist es auch. Konzentriere dich auf das Wesentliche! Das ist die wichtigste Aussage, in der alles drin steckt.
Aber was ist das Wesentliche?
Seiwert: Für mich ist Zeit wesentlich mehr als Geld: Zeit ist Leben. Deshalb geht es bei Zeitmanagement nicht nur um die Optimierung der Arbeitszeit. Es geht vielmehr darum, eine ausgewogene Balance zwischen den vier grundlegenden Lebensbereichen herzustellen.
Welches sind diese Lebensbereiche?
Seiwert: Erstens: Körper und Gesundheit. Dass ich mich richtig ernähre, dass ich Sport mache. Zweitens: Leistung, Arbeit und Beruf. Drittens: Kontakte, Beziehung und Privates. Dass ich Freunde habe, dass ich ausgehe, dass ich einen Familienverbund habe. Und schließlich viertens: Sinn, geistige Werte, Hobby oder Religion. Wenn das alles stimmt, dann hat man eine richtig gute Work-Life-Balance.
Was passiert, wenn einer diese Bereiche zu kurz kommt?
Seiwert: Geraten die Lebensbereiche außer Balance, komme ich schnell in eine Lebenskrise. Das erlebe ich gerade in meinem persönlichen Umfeld bei drei Freunden, alle so zwischen Mitte 40 und 50. Sie haben dauernd zu viel gearbeitet, waren immer im Stress. Und jetzt erzähle ich nur mal die Kurzfassung: Die eine bekam einen schweren Tinnitus …
… also Ohrgeräusche …
Seiwert: … der andere einen Schlaganfall, der Dritte einen Darminfarkt. Die Ursache bei allen: Sie waren nicht mehr in Balance. Wenn das über eine längere Zeit geht, dann macht der Organismus Folgendes: Vorausgesetzt Sie haben Glück, hebt er die gelbe Karte. Dann liegen Sie im wahrsten Sinne des Wortes auf der Nase und haben dann zwangsweise Zeit, über Ihr Leben nachzudenken. Dann werden Sie demütig.
Aber viele arbeiten ja nicht freiwillig so viel. Die sind in eine Firmenkultur eingebunden oder müssen einen Haushalt führen …
Seiwert: Natürlich sind wir immer eingebettet in unsere familiäre, berufliche und gesellschaftliche Umwelt. Aus meiner Sicht gibt es nur die drei Wege, die der Systemforscher Kurt Levin schon in den 40er Jahren beschrieben hat: Change it, love it or leave it. Entweder kann ich was verändern, oder ich ändere meine Einstellung oder ich gehe.
Das ist sehr leicht gesagt …
Seiwert: Nehmen Sie als Vergleich einen Stau, in dem ich mit dem Auto stehe. Da kann ich mich aufregen und schimpfen, aber ich kann‘s nicht ändern. Ich werde in dieser Blechkolonne stehen bleiben. Also muss ich meine Einstellung ändern und darf mich nicht mehr aufregen. Alles andere ist vertane Lebenszeit und vergeudete Energie.
Wenn mich mein Chef mit Arbeit überhäuft, fällt es schwer, die Überstunden zu lieben.
Seiwert: Es gibt immer zwei Seiten der Medaille. Mitarbeiter, die im Stress untergehen, sind bedauernswert. Aber diese Leute lassen es auch mit sich machen. Die zentrale Frage heißt immer: Was ist mir wichtig? Auf was möchte ich später gern zurückblicken? Was gehört für mich zu einem glücklichen, zufriedenen Leben? Und was muss ich ändern? Die Wahrscheinlichkeit ist immer größer als Null, dass ich Dinge verändern kann.
Sie selbst arbeiten aber viel: Sie schreiben Bücher, halten Vorträge und Seminare, arbeiten als Berater.
Seiwert: Ich arbeite eben nicht so viel. Ich war im Hochschulbereich tätig und habe das vor einigen Jahren aufgekündigt. Das operative Geschäft mit den Seminaren habe ich kürzlich veräußert und mache nur noch Vorträge und neue Bücher. Punkt.
Wie viel Stunden am Tag arbeiten Sie?
Seiwert: Bei mir ist es untypisch, weil ich einen fließenden Übergang von Arbeit und Freizeit habe. Ich frage Sie: Wenn ich zu einem Vortrag im Zug sitze und ein Buch lese oder ein Hörbuch höre ist das Arbeit?
Kommt drauf an: Wenn‘s ein Roman ist, dann ist das Freizeit, wenn‘s ein Fachbuch ist, dann ist das Arbeit.
Seiwert: Okay, und wenn‘s ein Lebenshilfebuch ist?
Tja, weiß ich nicht.
Seiwert: So. Das ist also schwer zu trennen. Gut. Dann halte ich den Vortrag, das ist Arbeit, klar. Danach ist in der Regel noch ein Ausklang mit Essen und Trinken und mit Leuten reden. Was ist das? Oder ich fliege auf eine Konferenz in die USA, wo ich viele Kollegen treffe, die aber auch meine Freunde sind. Bei mir ist es eben schwierig zu trennen.
Glauben Sie, dass sich generell die Art zu arbeiten und zu leben in diese Richtung ändern wird?
Seiwert: Ja. Ich sehe, dass sich gesellschaftlich einiges verändert. Früher war Leistung als Anwesenheit definiert. Lange da sein, lange Licht im Büro haben, und das Auto musste auch abends noch auf dem Parkplatz stehen: So war das bei mir vor vielen Jahren, als ich in einem großen Konzern arbeitete. Doch heute wird alles flexibler. In vielen Jobs brauchen Sie vor allem zwei Dinge: einen Laptop mit schnellem Internetzugang und ein Telefon. Ob Sie dann auf Mallorca sitzen oder im Büro wird immer unwichtiger.
Bricht dann auch die alte Trennung zwischen Arbeit und Freizeit auf?
Seiwert: Ganz klar. Das hat auch sehr positive Aspekte für die Work-Life-Balance, denn Sie können Dinge zeitversetzt tun. Am Nachmittag sind Sie mit Ihren Kindern zusammen. Und abends, wenn die Kleinen schlafen, sitzen Sie zwei, drei Stunden am Laptop und bearbeiten Ihre Mails, statt sich irgendwelche belanglosen Fernsehserien reinzuziehen.
Was ist für Sie dann der Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit?
Seiwert: Als Arbeit empfinde ich Dinge, die mir lästig fallen. Das ist wie mit der gefühlten Temperatur und der objektiven. Psychologen wissen, dass wir Glück und Flow empfinden bei Dingen, die uns Freude machen und uns wirklich erfüllen. Wenn ich vor tausend Leuten sprechen kann und das Publikum mitgeht und ich womöglich Standing Ovations bekomme, dann habe ich solche Glücksgefühle, da müsste ich gar kein Honorar kriegen. Aber ich wäre natürlich dumm, wenn ich‘s nicht nehmen würde.
Sie sind jetzt 55 Jahre alt. Hat sich Ihr Zeitempfinden geändert?
Seiwert: Es gibt Untersuchungen, dass man im Alter die Zeit mehr wertschätzt und man das Gefühl hat, dass sie schneller verrinnt. Objektiv ist sie natürlich immer gleich, aber subjektiv vergeht sie schneller. Das ist wie mit der Gesundheit: Man beginnt, Dinge mehr wertzuschätzen. Und wenn Leute um mich herum wegsterben, dann bin ich besonders dankbar für alles.
Tags : Interview, Serie-Zeitmanagement
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